Wenn die Fans riefen: „Richard, Kubbe mache!“
Geschichten aus 100 Jahren Handball: Von beschwerlichen Fahrten, starken Frauen und einem Trio für die Bundesliga.
Es ist der Blick zurück, der Annette Goldhausen Mut macht für das, was vor ihrem TuS 07 Bannberscheid liegt. „Es ging immer wieder mal auf und ab“, sagt die Vorsitzende des Vereins, der für seine Handballer weit über das Rheinland hinaus bekannt ist. So bekannt, dass die „Deutsche Handballwoche“ bereits im Jahr 1962 einen Artikel veröffentlichte mit der Überschrift: „Das Handballdorf im Westerwald“.
Seit nunmehr 100 Jahren wird in Bannberscheid Handball gespielt. Mal ganz unten, mal weit oben – und schon lange von Männern und Frauen. Gefeiert wird so, wie es aktuell ganz gut zur Situation im Verein passt. „Der Spaß steht zurzeit im Vordergrund bei uns, weniger der Leistungsgedanke“, sagt die Vorsitzende, die als Jugendliche selbst Auswahlspielerin war. Und so gibt es keinen Festkommers, wie es bei Jubiläen der Vergangenheit vielleicht der Fall war, sondern am heutigen Samstag ab 15 Uhr in der Wirgeser Sporthalle ein „Allstar Turnier“ für Frauen und Männer, die einst das Trikot des TuS 07 getragen haben.
„Ich denke, das passt ganz gut“, freut sich Annette Goldhausen auf das Wiedersehen mit vielen Aktiven von früher und heute. Neben den Spielen dürften vor allem die Geschichten gefragt sein, die sich rund um den 1907 gegründeten Verein und insbesondere um seine Handballer ranken. Viele dieser Erinnerungen hat Gerd Metternich in Vereinsunterlagen und Archiven recherchiert und dann aufgeschrieben. Dabei hat er schon jetzt, lange vor der in Form einer Chronik geplanten Veröffentlichung, ein Stück Westerwälder Sport- und Zeitgeschichte zu Papier gebracht.
Bis in die 1990er-Jahre ist er gekommen, die Zeit um die Jahrtausendwende und danach bis heute hat er noch nicht ganz aufgearbeitet. „Das ist keine Betätigung für den Sommer“, erzählt Metternich. Doch sein Ziel ist klar: 100 Jahre Handball im TuS 07 Bannberscheid, dessen Trikot auch er getragen hat, sollen für nachfolgende Generationen festgehalten werden.
„Es ist spannend zu sehen, dass sich viele Dinge wiederholen“, sagt die Vorsitzende Annette Goldhausen. Einiges hat sie selbst miterlebt, anderes kennt sie aus Erzählungen. Auch ihr Familienname Goldhausen kommt immer wieder vor in der Chronik. „Abmeldungen, Spielgemeinschaften, Trainerwechsel – das sind alles keine neuen Themen. Vielmehr wiederholen sie sich nur“, bleibt die Vorsitzende gelassen.
„Wichtig ist, dass es weitergeht“
Annette Goldhausen
Dass es im Verein in der neuen Saison 2023/24 sowohl für die Frauen (mit dem TuS Ahrbach) als auch für die Männer ganz unten im Ligenspektrum losgeht, ist für sie kein Alarmzeichen. „Wichtig ist doch, dass es weitergeht, dass wir auf die Jugend setzen. Das ist unsere Zukunft“, ist sie überzeugt.
Und wie hat alles begonnen mit dem Handball beim TuS 07 Bannberscheid? Nach dem Turnen, der Leichtathletik und dem Spielmannswesen kam ab dem Jahr 1923 der Handball hinzu. „So steht es jedenfalls in den Festschriften des Vereins zu den jeweiligen Jubiläen“, berichtet Gerd Metternich. „Alle Feiern der Abteilung orientierten sich an diesen Angaben.“
Vor einiger Zeit sei zwar ein Dokument aufgetaucht, das die offizielle Gründung der Abteilung in die Zeit 1928/29 verlegt. Doch es gebe auch gute Gründe, die für das frühere Datum sprechen. Denn bereits seit 1919 erfuhr der Feldhandball in Deutschland großen Zulauf – auch in der Region.
Bis 1970 war es die Regel, dass Handball im Freien auf der Größe eines Fußballfelds mit elf Spielern gespielt wurde. Erst Ende der 1960er-Jahre setzte sich das Spiel auf dem Kleinfeld beziehungsweise in der heute bekannten Form in der Halle durch.
In den Anfangsjahren bedeutete es für das kleine Dorf – bei der Volkszählung 1933 wohnten nur 316 Menschen in Bannberscheid – „sicher immer einen Kraftakt, eine vollzählige Mannschaft auf das Feld zu bringen“, vermutet Chronist Metternich. Die Aktiven, die erstmals für den TuS aufliefen, waren Alex Weber (Torwart), Richard Wagner, Hermann Wagner (beide Verteidiger), Simon Hehl, Peter Eichmann, Heinrich Goldhausen (alle Läufer), Peter Paffhausen, Otto Goldhausen, Herbert Korbach, Josef Wagner und Josef Heibel (alle (Stürmer). Als Heibel und Paffhausen aus dem Team ausgeschieden waren, wurden sie durch Albert und Clemens Wagner ersetzt. „Sieben Spieler trugen also denselben Nachnamen“, stellt Metternich in seiner Chronik fest.
Nicht nur der Spielort unterschied sich in den frühen Jahren vom heutigen Handball, auch die Spielweise war eine andere. Tore waren auf dem großen Feld Mangelware, zweistellige Trefferzahlen kaum möglich. Daran hatte auch die auf Defensive ausgerichtete Taktik ihren Anteil. Der robuste und kantige TuS-Verteidiger Richard Wagner wurde für seine resolute Gangart von den Zuschauern gefeiert. Sie hätten ihn häufig angefeuert mit dem Ruf: „Richard, Kubbe mache!“, ist in den Vereinsschriften zu lesen.
„Dann brachte er den Gegner zu Boden und begrub ihn unter sich“, berichtet Chronist Metternich und ergänzt: „So funktionierte mannorientierte Abwehr damals.“
Typisch für den Westerwald erscheint auch die Beförderung der Spieler zu den Auswärtsbegegnungen. Diese erfolgte anfangs mit einem von Pferden gezogenen Leiterwagen, manchmal auch mit dem Fahrrad. „Als später weitere Strecken zurückzulegen waren, zum Beispiel nach Altenkirchen, Hachenburg oder Koblenz, reiste die Mannschaft mit der Eisenbahn oder dem Lkw von Heinrich Goldhausen an“, berichtet Metternich.
Die Fahrt auf der offenen Ladefläche sei allerdings kein Vergnügen gewesen. Denn die Saison während der ersten beiden Jahrzehnte nach der Gründung sei hauptsächlich auf Herbst und Winter beschränkt gewesen. So sei das Team oft durchnässt und frierend am Zielort angekommen und habe den Gegnern in der ersten Halbzeit wenig entgegensetzen können. (WWZ v. 15.07.23; Marco Rosbach)
Im Fotoarchiv der Bannberscheider schlummert so manches fotografische Schätzchen. Diese Mannschaft war in der Saison 1974/75 im Trikot des TuS 07 aktiv; hinten von links: Uli Jenk, Otto Goldhausen, Bernd Wagner, Walter Traxel, Gerd Metternich, Heinz Baldus und Trainer Peter Traxel; vorne von links: Lex Stephenson, Jürgen Bielstein, Ulli Eichmann, Fred Baldus, Christoph Frink und Eberhard Bader. Foto: Vereinsarchiv TuS Bannberscheid











